Jung, wild und Winzer. FAZ von Stuart Pigott, August 2004.
An dieser Stelle war bereits mehrmals die Rede von Vereinigungen deutscher Jungwinzer- etwa den Gruppen „Pfalz Hoch 3“ oder „Message in a Bottle“, die sich recht schnell eine erstaunliche Medienpräsenz erarbeitet haben.
Mit weitreichenden Folgen: Galt der Beruf des Winzers bis vor wenigen Jahren noch als altbacken und langweilig, verbinden sich mit ihm dank des Jungwinzer-Phänomens nunmehr Begriffe wie Kreativität und Coolness. Je weiter diese Entwicklung voranschreitet, desto mehr stellt sich die Frage, wer sich überhaupt Jungwinzer nennen darf. Schaut man sich die Mitglieder der obengenannten Gruppen genauer an, wird deutlich, dass es dabei nicht ausschließlich um das Lebensalter geht. Viel wichtiger scheint eine Geisteshaltung bei der die schöpferische Dimension des Weinbaus im Vordergrund steht. Im Extremfall könnte man sagen, dass das neue Winzer-Image von der Pop-Kultur beeinflusst ist, dass Weinbau sogar als eine Form von Rock’n’Roll verstanden wird.
Wie jung darf und muss ein Jungwinzer oder eine Jungwinzerin überhaupt sein? Nach unten gibt es eigentlich keine Grenze: Manch berühmter Winzer erlaubt seinen minderjährigen Kindern, alljährlich ihren eigenen Wein zu vinifizieren – aber das ist gewiss nicht repräsentativ. Bei der Beurteilung eines bestimmten Winzers ist für Weinkritiker vielmehr entscheidend, ob im Ergebnis überzeugende Weine mit einem eigenen Stil hervorgebracht werden. Bei der Jugend einen anderen Maßstab anzulegen hieße, sie zu diskriminieren.
Ein Keller voller charaktervoller Weine setzt seitens des Winzers eine gut entwickelte ästhetische Vorstellung von Wein voraus, ebenso das zu ihrer Verwirklichung notwendige weinbauliche und kellerwirtschaftliche Wissen. Das erfordert einige Jahre an Erfahrung, nicht aber, wie der 23 Jahre alte Jochen Dreissigacker in Bechtheim/Rheinhessen beweist, ein abgeschlossenes Weinbaustudium (an der Weinbauschule Weinsberg hat er mindestens noch ein Jahr vor sich). Sein 2003er „Haspensprung“ Riesling ist nicht nur ein gelungener Wein, sondern einer der besten trockenen Weißweine des Jahrgangs in Rheinhessen. Auch wenn die Balance zwischen großzügigem Körper (sowie 13,5 % Alkohol), reifen Pfirsicharomen und eleganter Säure an Spitzengewächse aus der Pfalz oder der Wachau in Österreich erinnert, hat der Wein eine ausgeprägte eigene Würze. Dreissigackers einfachster Wein des Jahrgangs aus dieser Sorte, der 2003er Weißer Riesling trocken, beeindruckt ebenfalls durch Saftigkeit, Zitronen- und Rauchnoten, die weit abseits der Norm liegen, und unterstreicht die Leistung des Jungwinzers.
Wahrhaft gewagt ist der üppige, schmelzige 2003er Silvaner „SD“ mit seinem verführerischen Aprikosen-Ton – ungefähr so unverkennbar gegenwärtig und deutsch wie Rammsteins Interpretation des Heavy Metal.